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Als ich bei dem ersten Auftritt der Lesereise von Christian Kracht "Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten" im Kölner Literaturhaus war...

 

Oh Danny boy, the pipes, the pipes are calling

From glen to glen, and down the mountainside

The summer’s gone, and all the roses falling

‘Tis you, ’tis you must go and I must bide. [Quelle]

 

Nach der Spätsommerfrische in der Toskana und der Überfülle an verfügbarer Kultur versucht man so etwas ja auch in den Alltag hinüber zu retten. Durch einen erfreulichen Zufall war Sportsfreund Kracht am 06.10.2008 in der Stadt und las aus seinem aktuellen Buch; das passte ganz gut, hatte ich doch am Tag der Deutschen Einheit “Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“ (KiWi, September 2008) ausgelesen und war recht begeistert von dem Buch. Literaturhaus Köln. Hier hatten Anja und ich bei der „Langen Nacht der Museen“ (ich glaub‘, es muss so 1996 oder 2006 gewesen sein) eine berührende Photoaustellung mit Bildern aus dem Amerikanischen Bürgerkrieg gesehen. An der Kasse die Frage: „Regulär?“, „Nee, zweimal Vollzahler bitte!“, bei Fortuna Köln: Gelernt ist gelernt! „14 Euro“, „Danke!“.

 

Leider gibt es sonst nichts um das Literaturhaus an der Schönhauser Straße in Südköln herum, so dass wir vorher und nachher keinen Imbiss einwerfen konnten. Während ich nach der Rückkehr vom halbstündigen, ernährungslosen Fußmarsch Getränke an der Bar des Literaturhauses besorge, sitzt Christian Kracht an der Theke und ich übe mich noch in einer gewissen Zurückhaltung, was das Signieren meines Buches angeht; der Bubb‘ muss sich ja auch erst mal auf die Lesung eingrooven. Er ist deutlich kleiner als in meiner Erinnerung und im Video. Und ich mache den Distanzwahrermän und hole mir nicht sofort sabbernd eine Widmung für meine Ganzschrift. Verdammte Ausgeglichenheit!

 

Wenn es schon vorher nichts zu essen gab, so gibt es im Literaturcateringbereich auch kein Beck’s, dafür aber handwarmes & hochpreisiges Kölsch; die ältere Literaturüberzeugungsehrenamttäterin spricht entschuldigend: „Sorry, da hatte jemand vergessen, Kölsch im Kühlschrank nachzulegen!“. „Dinge passieren“. Die Preise im Literaturhaus sind durchaus stolz: 1 x Kölsch wohltemperiert: 2,20 Euro für 0,33l.

 

Anja findet Kracht vom Äußeren unglaublich unsympathisch, ich teile diese Meinung nicht & finde, er sieht aus wie eine Mischung aus leger angezogenem „Blauem Corpsstudent“ und u. lb. Knöcke; der Schal, den er auch während der kompletten Lesung anbehält, rockt – er hätte nur orange sein sollen. ;-)

 

Verwirrungsjunge, der auch den Abend eröffnet und später die Parkproblematik darstellt, macht derweil einen Mikrophonanlagentest, dem ein gewisser Unterhaltungswert innewohnt; er moduliert die Stimme, spricht dabei in Zungen und vor allem „in sich hinein“ (Zitatende). Ich sehe mich um; gottseidank recht wenig knallharte Popliteraturgroupies, aber einige Popper (mit dementsprechender Frisur!) alter Schule in den Sitzreihen. Großartig.

 

Aber ich bin tatsächlich der Einzige mit einer „Bahrbuuuhrjacke“ im Publikum, aber das ist ja nur eine Äußerlichkeit und hat mit Faserland nicht das Geringste zu tun, die Jacke trug ich auch zwei Tage zuvor – unbeteiligt – bei den schlimmsten Fußballkrawallen in Mönchengladbach seit 20 Jahren. Die Frau von Christian Kracht sieht – sie sitzt in der ersten Reihe, wir in der vierten des anderen Strangs – von weitem betrachtet, sehr, sehr alt aus. Loriot würde sprechen: „Jaaaa, aber er, er sieht jünger aus.

 

„Ich möchte, daß es jetzt losgeht. Denn ich habe so Hunger“, denke ich, sage ich? Anja nickt. Ich überlege mir den Text, die Miniatur einer möglichen Widmung, die Kracht in mein Exemplar schreiben könnte. Es würde recht heiter und die Literaturfansschlange verstimmend lange warten lassend, wenn ich es buchstabiere:

 

„Für Umumbe Ombele, in Liebe, Botho“.

 

Hoffentlich trau‘ ich mich das! Auf jeden Fall bin ich nicht der einzige Vollidiot, der ein Buch mitgebracht hat. Puuuuh! Gleich geht es los, zu Anja gewandt sage ich: „Vielleicht können wir hier ja mal 'ne Lesung vom Kalker Kaffee veranstalten, vom Ambiente her wär‘ dieses Literaturhaus angemessen… Ich red‘ gleich mal mit dem Personal“, sie kontert realitätsnah mit „Ich glaub‘ hilfreich wäre, wenn Du dann schon was veröffentlicht hättest!“, „Ach Quatsch!“

 

Der Anmoderierherr weist nochmal mit Nachdruck darauf hin, dass das Parken auf den Parkplätzen der Dachdeckerinnung alles andere denn empfehlenswert sei, Murren im Publikum, Stimmen: „Das sagt der jedes Mal“, er erläuft den Ball, antwortet: „Ich habe gerade gehört, das sagt der jedes Mal‘, das stimmt, ich weise jede Veranstaltung darauf hin! Aber ich will auch, dass Sie sich nach dem Besuch hier noch ein Buch leisten können; das Abschleppen kostet 161 Euro. Die Dachdeckerinnung ist sehr humorlos!“

 

„Die Dachdeckerinnung ist sehr humorlos!“. Worte wie Granit, ein Hammer, und das noch vor Beginn der eigentlichen Lesung!

 

Kurz bevor die Literaturvorgruppe „Helge Malchow“ auftritt, erkenne ich, dass Kracht langsam 'ne Platte bekommt; so jugendlich er ist und aussieht: „Hintenrum sieht‘s schlecht aus, Chris Kross!“. Diese Beobachtung gelang mir beim Herabschreiten der Schautreppe, d.h. beim Einmarsch des Chargierten.

 

Unsere Stadt!

 

Die erste Lesung aus seinem neuen Roman, hier in unserem Köln[*]. Die Vorgruppe, der Verleger Malchow erklimmt das Pult und will dem Publikum einheizen; was nicht zur Gänze klappt, da er, hüstel, etwas langatmig ist… halbbgarer Lacher zu Beginn: „Sie sind jetzt dem Schweizer Sowjet überstellt“. Die Vorgruppe referiert über den Spot für Krachts Buch, wir sind in Köln, man kennt sisch, man hülft sisch, der – quelle surprise – von seiner „Gemahlin, Frauke Finsterwalder, die heute auch hier anwesend sein kann“, Applaus, und die im Brotberuf Dokumentarfilmerin ist.

 

Und dann überinterpretiert Malchow den „Alternate History“-Plot des Buches und fliegt unglaubliche Kreise, lobt den Autor über den grünen Klee, was absolut in Ordnung und sein Job als Verleger ist, kommt kurz auf „Faserland“ zu sprechen und generiert den einzigen Lacher seines Supportacts: „Die Jüngeren unter ihnen kennen den Ausdruck vielleicht gar nicht mehr, aber in der Steinzeit sprach man von ‚Popliteratur‘!“ Er führt – zum aktuellen Leseanlass kommend – weiter die Gründe für den derzeitigen Boom der „kontrafaktischen Geschichtsschreibung“ aus, er zieht Vergleiche zu Robert Harris‘ „Fatherland“ und dem semiaktuellen Werk von Michael Chabon „Die Vereinigung jiddischer Polizisten“ („Die Palästinenser sind Eskimos“, H. Malchow), sieht als Grund für den Boom dieser Werke die Unsicherheit der Menschen, und fragt, ob Geschichte nicht doch durch Zufälle geschrieben wird; Minuten vergehen… Fatherland… Faserland… er versucht es pointiert mit dem Bonmot, wir leben im Zeitalter der „Erschütterung der Gegenwartszuversicht“. Joot, und nun weiter im Text, ich will den Hauptact sehen! Kracht tritt auf, ich denke, er will einen guten Gimmick zu Beginn abliefern und verlangt mit den Worten „Herr Böhm, können Sie mir Ihre Brille leihen?“ nach der Siebzigerjahrelesebrille des Parkproblematikerklärers. Aber er braucht sie auch, kein Spässle g’macht oder so – er setzt sie bis zum Leseende nicht mehr ab und beginnt direkt mit Kapitel 1 („Menschentalg & Grobwollenes“). Er liest sehr gut, hat eine angenehme Stimme und schafft es, nahezu hypnotisch, die Atmosphäre seines Buches adäquat zu vermitteln („Der Schnee roch nach Eisen“). In dem Moment, als ich mir mit ungelenker Handschrift Notizen mache, spricht er überpointiert: „Ich hatte mich zu einer Benutzung eines Notizbuches erzogen!“ (während meiner Aufzeichnung!). Nach dem Kapitel 2 macht er einen kurzen Sprung ins vierte Kapitel, gute Auswahl, um die Essentials der Ganzschrift wiederzugeben und circa 90 Prozent der alternativen Welt, wie er sie beschreibt.

 

Spannend: Analog zu den Kalker-Kaffee-Aktiven sieht er – um zu wissen, ob er in der geplanten Zeit ist – auf sein vor sich liegendes Mobiltelefon. Wenn er das kann, dann könnte ich ihn ja mal ernsthaft ansprechen, ob er nicht sein erstes Kapitel als „Special Guest“ beim Kalker Kaffee VII lesen möchte…

 

Er endet, so entsinne ich mich, mit dem vierten Kapitel und den Worten "Wir waren Schweizer". Toll! Nach der Lesung gebe ich den Groupie und reihe mich, relativ weit vorne, in der Widmungsreihe ein. Aber ich bin ein relativer Anfänger, vor mir Menschen mit einem gefühlten Regalmeter Kracht, in das sie jeweils eine Kurzgeschichte schreiben lassen.

 

Malchow steht links neben der Schlange der Wartenden. Ich überlege mir kurz ihn anzusprechen, warum er, wenn er denn so ein großer & innovativer Verleger sei, den Vorvertrag mit Charlotte Roche kündigte; naja, DuMont hat es gefreut und ich mache es dann doch nicht, weil ich befürchte, wild diskutierend meinen Platz so weit vorne in der Grupo „Groupie“ zu verlieren!

 

Kurz lasse ich Krachts Frau vorbei, die von Nahem deutlich jünger aussieht denn von Ferne; normalerweise ist es umgekehrt, in jeglicher Hinsicht also ein bemerkenswerter Abend und ich revoziere in aller Form!

 

Dann bin ich dran, steige die Mikrotreppe zur Bühne hoch und es folgt der jetzt schon weltbewegende und –berühmte Dialog über eine Widmung:

 

„Entschuldigung, Herr Kracht, ich habe leider keine Erfahrungen, was Widmungen angeht, könnten Sie vielleicht schreiben ‘Für Jos Luhukay‘?“

 

„Wer ist Jos Luhukay?“

 

„Das ist der Trainer von Borussia Mönchengladbach, er ist gerade gestern erst entlassen worden!“

 

„Wie wird das geschrieben?“

 

„Jerusalem-Otto-Siegfried-neues-Wort-Ludwig-Udo-Heinrich-Udo-Kaufmann-Anton-Yachthafen“

 

„O.K….. hmmmh, wie wäre es mit ‚Alles wird wieder gut‘?“

 

„Ja!“

 

„Sagt man denn so, ‚alles wird wieder gut‘?“

 

„Hmmh, das ist vielleicht ein bisschen nina-ruge-esk, aber das trifft es. Gute Lesung übrigens!“

 

„Danke.“

 

„Bitte.“

 

So ist es. "Schreiben ist Stil, ist Weltentwurf." In meiner Ganzschrift steht also jetzt:

 

Für Jos Luhukay, es wird alles wieder gut, Chr. Kracht.

 

"Für Jos Luhukay, es wird alles wieder gut, Chr. Kracht." Das ist das versöhnliche Ende eines angenehmen Literaturabends, dem ich eine neue verhaltensoriginelle Note geben konnte. Denn eines wurde mir letzten Samstag wieder klar:

 

In Köln zu leben, ist kein Verbrechen! (zur bekannten Melodie des Sprechgesanges "F.s.k.V.!"), Schöne Woche, Euer Schomberg.

 

 

 

 

[*] Eine großartige und amüsante Stadt, den lokalen Erstligisten natürlich deutlich ausklammernd, Roth!