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Die Kompositionskolumne!



Tja, das Haus gewinnt sehr durch den Garten... Die eigentliche Bebilderung zu dieser Kompositionskolumne könnt Ihr Euch bei Kolumne 23 holen! Die CD mit den unveröffentlichten Berlinbildern liegt derzeit in einem Umzugskarton. Egal, denn: Bilder töten die Imagination!


 

Er hatte das Trümmerdasein (der Nachberlinzeit) und die groteske Mischpoke überschätzter Berliner Jungschriftsteller hinter sich gelassen und schaute nach Vorne. Die Prosastücke, die dort abgeliefert wurden waren gehypte Halbfertigprodukte, literarischer Atropinmissbrauch, es war keine schriftstellerische Nachwuchsbegabung weit und breit zu sehen, sie brillierten nur durch intellektuelle und ästhetische Fehlspurlegung. Kurz gesagt: Sie hatten alle einen Oberleitungsschaden!

 

Wenn man einen Hauptschulabschluss jenseits Bayerns gemacht hat, wird man Promi-Luder - besitzt man Abitur reicht es immerhin zur Kanzler-Affäre... sinnierte Connor. Trotz seines Ärgers und der Angst entgegentretend, er könne in die Konsensfalle tappen (wie Parzifal, der tumbe Tor der von einem Abenteuer ins andere stolpert), traf er sich mit dem Inbegriff des Linksfeuilletonisten zum Essen in einer urigen bairischen Kaschemme der Hauptstadt. Zwei Nebenerwerbsgründer sitzen in einer fast sternefreien Fress- und Saufschenke und geben den Spesenritter im Zeitalter der Rekordarbeitslosigkeit. Sie begannen mit einem Brotzeitkäse, nahmen danach einen Ochsenmaulsalat und eine Knöcherlsülze. Dazu zwei Mass Bier und zwei Cocktails, "Resolution 1441".

 

Nach dem Arbeitsessen ging er rasch nach Hause und zappte noch ein wenig durch die Kanäle. Es war zum Verrücktwerden: Da hatte man weit mehr als 40 Sender und überall lief nur D®isse! Werbung für Industriefischstäbchen und deren Hilfstruppen, die Fischstäbchenräuber erfolgreich in ihre Schranken weisen, die üblichen nächtlichen Wiederholungen des Talkshowlumpenproletariats in Ballonseidenjogginganzügen, Meldungen über Glaskorrosion und wie man sie bekämpft, Gerichtsfernsehen, Werbung für Salamistullen wie von Muttern. Auf 3sat sah er einen Bericht über ein mazedonisches Literatursymposium, die Jungs meinten es wenigstens ernst, dachte er. Vor dem Zubettgehen fuhr er nochmal sein Laptop hoch, um eMails abzurufen. Rocco schickte eine Strompost: Ich nehme an, alle Wörter müssen vorkommen? Und es darf durchaus ein wenig, ähem, schweinös, werden, oder? Kombinationen von "Promi-Luder" und "Hochleistungsentsafter" schreien geradezu nach Sex!!! Hihi. Danach ging er nochmal in den Tiefen seiner 40 GB-Festplatte auf Patrouille und schickte als Antwort lapidar ein Hans-Meyer-Zitat, geäussert in einem Interview kurz nach dessen Entlassung:

 

"Sie verzichten auf viel Geld." "Wer meinen Kontostand kennt, sagt: Hat Meyer eine Macke? Aber ich saufe nicht, gehe nicht in den Puff. Wir kommen aus einfachen Verhältnissen, werden bis ans Lebensende nicht ärmlich, aber bescheiden leben."

 

Er blieb, wie er immer war: Ehrlich, tiefschürfend wahr und ohne platzenden Papierkragen: Ein Vorbild!

 

Weil er wusste, dass die Mischung aus Bier und Wein sich nicht so gut auf sein Wohlbefinden auswirken würde, machte er sich vor dem Schlafen noch einen seiner legendären Überlebensdrinks: Er nahm zwei Avocados, riss den Kern heraus, friemelte vier Orangen dazu, eine Dose Sardinen ohne Haut und Gräten in Öl, packte alles - samt zwei Aspirin und zwei Magnesiumbrausetabletten in den Hochleistungsentsafter - und drückte ab. Manchmal tat es weh, gesund zu leben! Da er seinem Magen nicht alles zumuten wollte, verzichtete er diesmal auf Nachtcreme mit dem aufbauenden Fruchtöl. Er musste das tun, wofür andere sich zu fein waren!

Der nächste Morgen begann um 6.30 Uhr mit einer Verspätungsmeldung am Breslauer Platz und nervösem Cordhosen-Aneinander-Reiben während des Wartens auf die S-Bahn zum Tiergarten. Da stand er mit seiner Barbourjacke mit Innenfell, er war ein Wachstuchjackenträger (J'accuse!) geworden, das hatten die Nuller Jahre der Berliner Republik aus ihm gemacht! Jetzt sollte er nur noch Marketingfachwirt lernen oder Eventmanagement studieren und er wäre genauso ein verlorener und lebloser Bestückungsfundus gewesen, wie die Dinger, die er schreibend kritisierte. Endlich kam die S-Bahn. Er erfreute sich gedankenrege an seiner Lieblingsminiatur:

 

"Kommt die S-Bahn?"

"Nö, aber sie atmet schon schwer!"

 

Er stieg in die Bahn (diese Dinge sind tags wie nachts der letzte Siff), kam sich wie ein übernächtigter Sprachlandschaftsvermesser vor und fuhr durch das erwachende Berlin. Berlin war Dreck - es konnte nicht eine Weltleitmesse an sich ziehen. Vorbei an Versorgungsbetrieben, Mustergrab- und Tierkörperverwertungsanlagen, die wieder einmal seine geruchliche Zumutbarkeitsgrenze stark überstiegen! Seine Patellasehnenreizung setzte ihm noch ein bisschen zu - dumm genug, mit Bierbauch und ohne sich ordentlich warm gemacht zu haben, letze Woche an einem Beachvolleyballturnier teilzunehmen, das auch noch von einer beschissenen Plörre wie Schultheiss (gedanklich legte er die beiden Zeigenfinger seiner Hände zu einem Kreuz übereinander) gesponsert wurde. Sie brachte ihm die Erkenntnis der Torheit nach einer Venenentnahme. Während er über den vorgestrigen Eingriff sinnierte, musste er völlig unmotiviert an "Wumelinchen", sein erstes Stofftier denken, heute nur noch ein verstaubter Tod mit Sägemehlfüllung (verklumpt). Zarte Erinnerungen flackern auf in der Postmauerstadt. Gerade als er die S-Bahn verlassen will und sich wieder einmal dazu durchgerungen hatte, keine Obdachlosenzeitung zu erwerben (das schreibende Gewerbe war wackelig genug!), erreichte ihn eine Innerinnerungsbringungskurznachricht einer Verflossenen (Veranstaltungskauffrau mit auffälligen, künstlichen Fingenägeln), die er mit einem sardonischen Lächeln löschte. Sie hatte ihm mal eine Mundhöhlenschwangerschaft vorgegaukelt. Da sie aber keine besonders gute Hausfrau war, konnte er mit Hinweis auf seine Allergien und das Vorhandensein von Hausstaubmilben diese "Beziehung" langsam auslaufen lassen... wie immer hatte sein Frühwarnsystem tadellos funktioniert. Es war eh ein Vierwochenendenmissverständnis, lustig wie der Kinderfasching in Bauerbach. Als Kummerkontrastprogramm für sie hatte er ihr damals die eMail-Adresse seines postsozialdemokratischen Saufkumpels zugespielt...

 

Einkauf im Pennymarkt, er würde es sich irgendwann mal wieder richtig gut gehen lassen: In der Delikatessabteilung vom KaDeWe, nicht nach Geld, rechts und links schielend, nach dem von ihm so sehr ge- und erwünschten Wissenschaftsministeriumsbrotkrumenabfall. Aber irgendwie litten die Ministerialjungs und -mädels alle an akutem Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom. Das Tiegartenziel verwarf er, er brauchte Verfall und fuhr in den ehemaligen Prachtboulevard des Westteils, tot und begraben wie Londons New-Romantic-Tempel BLITZ. Der Ku'damm zerfiel immer mehr, die alten Dissen ersetzt durch Billigstläden, es war nicht mehr hochsubventioniertes Zentrum, es war nur noch der Inbegriff des West White Trash. "West White Trash" war ein Wort, das ihm wahnsinnig gut gefiel und er notierte es sofort auf der Rückseite seines Einkaufszettels, um es zuhause ganz manisch aber auch sorgfältig in seinen elektronischen Stichwortzettelkästen (online / offline) zu vermerken. Sein Leib- und Magenverein stand kurz vor dem Abstiegskampfduell mit dem Rekordmeister, er sollte vielleicht nächstes Wochenende nach München fliegen, die Preise waren mittlerweile so im Keller, das er sich zwei Döner und drei Bier sparte und dann den Flug drin hätte. Ausserdem sorgte er damit auch für einen Konjunkturansprung - falls Trittin durch Hochbesteuerung nicht wieder dieses zarte Pflänzlein zertrat... dieser Mensch war in seinen Augen der Fußfesselmörder der kleinen und mittleren Einkommen. Er ging in einen der Billigläden, streunte ein wenig ziellos herum, kaufe sich ein Buch mit feministischen Kurzgeschichten für 50 Cent, "Flores und Antiflores" (von Petra Lüschow), las es kurz an, hatte ein Spontansaldo in der Lebensleserechnung und übergab es dem nächsten Penner, der nach ein paar Cent frug. Dieser nahm das Buch, schüttelte den Kopf und warf es zornentbrannt zurück! Er konnte das Wurfgeschoss auspendeln und steckte das Buch dann doch wieder ein. Als Schnäppchenjäger hatte er wie so oft auf ganzer Linie versagt. Zeit für's Frühstück, zur Mitte durchkämpfen, man kann über Kulturimperialismus denken was man will, aber das Starbucks in der Nähe des Kurvenstar war wirklich 'ne Wucht, insbesondere die Schoko-Muffins, die er aus Trotz prinzipiell nur Schokobrocken nannte. Er ging am S-Bahn- Wendehammer zum Starbucks, wie immer waren wahnsinnig viele Studenteköpp' drin, die sich vor der Vorlesung noch was gönnen wollten. Er war bei Sardonia aktiv, er konnte sie nicht leiden, diese gepiercten Fressfeinde! Und nun hatte er dieses unnötige Buch bei sich, dabei gab's für nur einen Euro einen polnischen Grossbildband über Vertreibungsexzesse, mit einem Vorwort vom omnipräsenten Peter Scholl-Latour. Der Tag endete mit einer alkoholschwangeren Pressebeschimpfung und einem Darstellungsmanko bei einer konfessionellen Inaktivenverbindung.

 

-ENDE-

 

 

Alles wird gut, Euch eine angenehme Woche, Euer Religionsstifter der Kategorie Zeh.

 

 

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P.S.:

Diese Kolumne habe ich unter schier unmenschlichen Bedingungen doch noch pünktlich fertiggestellt! Ausgebombt = obdachlos durch Schimmelschaden (Fieses Wort IV), eine Woche auf dem Haus wohnend, ich konnte keine aktuelle Graphik verwenden etc. WER FESTSTELLT, WELCHES WORT AUS KOLUMNE 35 FEHLT, D.H. NICHT VERWENDET WURDE, BEKOMMT EINE KLEINE ÜBERRASCHUNG! Zusendung per eMail bis zum Donnerstag, 10. April 2003, 23.04 Uhr! gez. H. Schomberg.

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