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Erniedrigungen beim Anzugskauf: My name is Peter Glen – I’m old!



Die Bildunterschrift als Humorverbrechen: „Natürlich ist der Glencheck gedeckt!


Ein Koch sitzt auf einer Bank und rasiert Schweineohren. Nein, das war der Beginn einer anderen Kolumne... Der Plan war so simpel wie erniedrigend: Ich wollte einen klassischen Glencheck-Anzug erwerben. Mit deutlichen Karos. Also nicht in der Gottlieb-Wendehals/Peter-Frankenfeld-Liga spielend, aber auch nicht zu dezent. Ein klassisches Muster, ein klassischer Plan, ein nicht allzu kühnes Unterfangen, wie ich dachte. Ich ahnte da noch nicht, dass dies die anstrengendsten sechs Stunden der letzten Zeit werden würden... Dafür kenne ich jetzt alle ernst zu nehmenden Herrenausstatter in Köln. Und auch die hochpreisigen Maßkonfektionäre wie c. & co mit dem großartigen Service & Interieur sowie die, deren Qualität m.E. leider mehr und mehr abnimmt (D.).

 

Nachdem die Vorfeld-Recherche im Internet nicht sofort die ge- und erwünschten Ergebnisse brachte, blieb nichts anderes übrig, als physikalisch, live und in Farbe, Herrenausstatter aufzusuchen. Aus vielerlei Gründen hielt ich es für eine reine Pflichtübung, denn ich wähnte mich in Köln sicher, was Formen, Farben und die Auswahl angeht, auch wenn ich ein eher „klassisches Modell“ zum Kauf auserkoren hatte. Suche & Auswahl eines karierten Anzuges, egal ob Maßkonfektion, -schneiderei, 2nd Hand oder Stange... das kann doch so schwer nicht sein! Auf dem Weg in die Innenstadt sah ich eine Regenbogenflagge vor dem Hilton in Köln. Seit wann sind die so offensiv gegen den Irakkrieg? Ach nee, es sind ja die „Gay Games” in der Stadt... Weil ich lernte, dass das Gros der gehobenen Einzelhändler erst gegen 11.00 Uhr aufmacht, ging es auf Vorschlag von Frau Feynschliff zum alteingesessenen Herrenbekleidungsgeschäft W. Dort wollten wir einen ersten Überblick gewinnen, um zu sehen, wie das Angebot so aussieht. Ich lernte beim Erstkontakt – es ist gespenstisch - dass die Verkäufer sofort die Konfektionsgröße einschätzen können (Lied aus dem Off: „Ich bin leider etwas dicker geworden und der Bauch hängt runter, wie eine Schürze, aus Speck, doch mir ist’s egal“, Prof. Helge Schneider) und ich erfuhr etwas sehr, sehr Entscheidendes: Ich bin keine 56, sondern "eine schlanke 106 - das ist eine langgezogene 54 - mit ein bisschen Volumen an den Hüften." Kürzer gesagt: Ein Blumenstrauß voller Erniedrigungen. Aber dort, bei W., fand ich einen Glencheck-Anzug, der genau meinen Vorstellungen entsprach. Naja, fast genau: Während die Jacke ein Traum war, spannte die Hose ein bisschen an Schritt und Oberschenkel. Doch hier begriff ich, dass das Dienstleistungsbashing in der Bundesrepublik nicht immer angebracht ist: Der unfassbar freundliche Verkäufer, der, wie sich beim Zweitbesuch herausstellte, auch den Einkauf verantwortete, sagte „Ich bin in 5 Minuten wieder da und gehe zum Schneider und lass‘ das rauslaufen“. Kam nach drei Minuten wieder und die Hose des Anzugs gab mir nicht mehr dieses gemeine Leberwurstgefühl.

 

O-Töne, die ich gern vergäße...:

 

"Sie sind eine schlanke 106 - das ist eine langgezogene 54 - mit ein bisschen Volumen an den Hüften."

 

"Ich schau' auch nochmal im Keller bei den aussortierten Stoffen..."

 

"Tja, das wird nicht mehr so oft verlangt, und es dauert etwa 6 Wochen, bis der Anzug fertig ist"

 

... überhaupt:

 

"Was ist bloß aus dieser Welt geworden? Kein Herz mehr für unsere Exzentriker? Partisanen wider die unmenschliche Verwertungslogik des Neoliberalismus." (ZAG)

Tja, das war ein guter Auftakt, Frau Feynschliff und ich besprachen uns heimlich und entschieden, nicht direkt den ersten Anzug zu kaufen und ich ließ ihn mir bis 18.00 Uhr zurückhängen. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich noch nicht ahnen, dass ich mich in die Welt des Schmerzes begab und noch mehr als einmal zu hören bekam – wenngleich sehr freundlich & verbrämt – über einen sehr altmodischen Geschmack zu verfügen und dass sich niemand mit dem Zeugs, das ich suchte, das Lager vollhängt. Begeistert schaute ich in ein, zwei, drei andere Geschäfte, aber dort gab es nur ein Modell eines Herstellers aus dem Schwäbischen, dessen Muster mir nicht deutlich genug erschien. Noch beseelt von dem gelungenen Auftakt, schnefterten wir in recht britische Läden, die Maßanzüge oder –konfektion anboten. Auch hier entsponnen sich Dialoge, die mich irritierten, Aussagen wie „Ich schau' auch nochmal im Keller bei den aussortierten Stoffen...“ oder „Tja, das wird nicht mehr so oft verlangt, und es dauert etwa 6 Wochen, bis der Anzug fertig ist.“. Lern"erfolg" 2: Wenn etwas wirklich Modemindermeinung ist, dann auffälliger Glencheck! Frau Feynschliff trieb mich weiter an, immer weiter, immer weiter, weiter, und wir suchten einen Laden auf, in Opernnähe, der sicherlich schon das Ensemble von „Der Kommissar“ oder „Derrick“ einkleidete. Auch da erntete ich mitleidige Blicke, ab und an aber auch Achtungserfolge: „Sie sind eine 102?“ „Sie Schmeichler! Nee, ich bin eine 106“. Ich erfuhr: „Nein, das hat auch niemand auf Lager, das läuft seit drei, vier Saisons nicht mehr. Das wollen mehr so englische Typen." Man verwies mich wieder an das Haus W.

 

immer weiter, immer weiter… Nach einer Stärkung beim Mexikaner am Friesenplatz ging es mit dem ÖPNV und per pedes doch noch zum Maßkonfektionär ins Industriegebet nach Ehrenfeld... Kurz hatte ich einen neuen Bandnamen im Kopf: suicide_commando_glencheck iv. Recht zeitnah fanden wir den Laden und stellten fest, dass wir es mit dem bürgerlichen Teil Kalks im Vergleich zu dieser Ecke Ehrenfelds ganz gut getroffen haben. Müßig zu erwähnen, dass es auch hier nichts Angemessenes gab. Wie bei allen Maßanfertigern: Im August haben alle Schneider Ost-/Mitteleuropas Ferien. Und der garantierte Liefertermin bedeutet "Termin plus drei Wochen". Für ein Kleidungsstück mit Datumsbezug nicht gangbar.

 

Jaaaaa!! Der Kaufentschluss fand bei W. statt. O.k., das hätte ich am Morgen schon um 10.16 Uhr haben können, aber ich brauchte den Vergleich (den es nicht gab) und die Rückversicherung: Nun nahm ich den ersten Anzug von Weingarten. Er war mit Änderungen ein Traum in Acryl! Schneidermeister Adi oder Ali ballerte mir noch Änderungen für 27 Euro rein und ließ was am Oberschenkel und Schritt raus - dann passte es. Und, nein, Herr Heller: Nicht „Anzughose mit Schritt ouvert“! Was sind denn das für Sachen!? Ich steckte in der U-Bahn noch eine „Broschüre des Bösen“ ein und fuhr geschafft nach Hause.

 

Und morgen hole ich ihn ab! Freudige Grüsse, Euer Ingohardt B. All (bibeltreu)