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Ralf Bummi Bursy (I)

"Die beste und sicherste Tarnung ist immer noch die blanke und nackte Wahrheit. Die glaubt niemand!" (Max Frisch)

 

Er guckte hoch zur Uhr, sie zeigte 18.30 Uhr. Es war ein langer Interviewtag gewesen. Um 18.00 Uhr hatte das fünfte und damit letzte Gespräch des Tages beginnen sollen. Dann wäre es möglich gewesen, um Punkt 20.00 Uhr im Babos auf der Alaunstrasse zu sitzen. Bronco sagte zum Fachbereich. „Tja, der Junge kommt wohl nicht mehr, ich gehe noch mal zum Empfang und dann gehen wir alle schön nach Hause.“ Er freute sich über das unerwartet frühere Ende eines wieder langen Tages und auf einen Dönerteller Nr. 17 samt grünem Atomapfeltee in der Dresdner Neustadt; das Grün des Instantapfeltees war künstlicher als das Grün der Wasabierbsen mit der Grinsrübe darauf. Das Wort „Wasabierbsen“ sah komisch aus, wenn man es zu Papier brachte, beim oberflächlichen Lesen konnte man das Wort „Wasserbier-Erbsen“ ausmachen. Was immer das auch sein mag. „Hoffentlich kommt der Kandidat nicht mehr“, dachte er, sagte er. Der Fachbereich nickte und der neue Kollege auch. Der Personaler stieg die Treppe hinab, und ging wippend, ja cruisend, im Kopf den nächsten Arbeitstag durchgehend zum Empfang im Parterre, und da sah er ihn: Ralf Bummi Bursy!

 

Einen Menschen in Pullunder, abgewetzten Cordhosen mit wirren Haaren, die jedem 70er-Jahre-Schachgroßmeister zur Ehre gereichen würden, ein sehr, sehr beleibter Nerd, der eine Plastiktüte von Hofer in der rechten Hand hielt, aus der eine BILD und ein Dresdner Stadtmagazin ragten; die Figur redete in entgrenztem bajuwarischen Idiom auf den stark sächselnden Herrn am Empfang ein und gestikulierte dabei raumgreifend mit der linken Hand: „Ich habe auch einen Ausweis vom Münchner Standort, ich bin Ihr Kollege, ich brauche doch keine Anmeldung.

 

Bronco hatte kein gutes Gefühl. In der Halbleiterei war er es gewohnt, dass die Kandidaten nicht gerade im Stresemann zum Vorstellungsgespräch kamen. Aber diese Erscheinung im Sinne von „Erscheinung“ übertraf einfach alles. Alles. Er ging auf den Kandidaten zu und es wurde auch geruchlich nicht besser: „Entschuldigung, der Zug von Radebeul nach Dresden hatte einige Verspätung und ich habe keinen Zauberknochen um anzurufen.“ Er sagte wirklich „Zauberknochen“.

 

Was dann folgte, las sich später in einem Artikel über Business-Etikette in der Wirtschaftswoche wie folgt:

 

"Täglich erleben Personaler, dass Kandidaten vermeintlich triviale Dinge nicht beherrschen. Bewerber kommen zu spät, sind falsch gekleidet und lümmeln sich im Sessel. Berater Bronco Rautenmüller vom Kölner Personaldienstleister recruiting by fear (rbf) erinnert sich noch gut an einen Kandidaten für eine IT-Stelle, der aussah wie ein „Schachgroßmeister aus den Siebzigern“. Erst kam er eine halbe Stunde zu spät, dann begrüßte er seine Interviewer mit dem Satz: „Das Buerli muss erst mal auf die Toilette.

 

Genau so war es dann auch. Bronco führte den Kollegen zum Interviewraum im ersten Stock; nach einem kurzen Mikro-Smalltalk teilte der Kandidat seinen dringenden Harndrang mit und legte seinen gelben Schwerbehindertenausweis auf den Tisch, flankiert von den Worten: „Passt mir da fein drauf auf, das ist meine Fahrkarte.“ Herr Bursy ging auf Toilette und die 3 Augenpaare im Raum blickten hilflos, halbbelustigt und verwirrt. Bronco zuckte mit den Schultern, sagte, „Dann ist es halt so“ und nahm sich einen Keks.

 

Als der Aspirant vom Wasserlassen wiederkam, startete Bronco rasch das Interview mit erneutem Begrüßungssmalltalk, Getränkeangeboten und einer kurzen Selbstvorstellung. Dann war das Schachgroßmeisterdouble an der Reihe und paraphrasierte seine bisherige Erwerbsbiographie.

 

Bronco schrieb, er guckte die ganze Zeit einem Physiker gleich nur auf seinen Gesprächsbogen, auf seine Interviewdokumentation, nur auf diese, um auf keinen Fall Augenkontakt zu irgendjemandem im Raum zu erhaschen, er hätte das Mineralwasser sofort in einer hohen Fontäne ausgeprustet, er schrieb auf seinen Bogen im Bereich „Auftreten / Äußeres Erscheinungsbild“:

 

Bonanza

Bonanzarad

Bonanzarathaus

Bonanzarathausmeister

Bonanzarathausmeisterstück

 

… und dazu kritzelte er ein paar Figürchen und geometrische Formen aufs Blatt.

 

Schreiben, um nicht zu lachen. Nicht schreiben um zu überleben, wie alle von Kafka bis Houellebecq das tun, nein, einfach via Buchstaben an was anderes denken, schreiben um die Contenance zu bewahren, vergleichbar mit dem Denken an Andrea Nahles, wenn es gilt, Dinge zu verhindern. Nur ein Blick auf Herrn Bursy, den Fachkollegen oder den Mit-HR-ler und Bronco hätte für nichts mehr garantieren können. Für gar nichts. Er hätte das Mineralwasser, einem Springbrunnen gleich, über alle drei Gesprächsteilnehmer vor ihm im Raum verteilt. Und an die Decke, auf den Schreibtisch, an die Wand.

 

Der Hammer, die Klimax ereilte Bronco dann bei der Passage, in der routinemäßig die Englischkenntnisse abgefragt werden: Er wechselte ins Englische, sagte „You’ve mentioned, that you like SciFi in general and StarWars in special. Do you sympathize with the Empire or the lads around Luke Skywalker?” Ralf Bummy Bursy schaute Bronco völlig empört an, stand auf, zog seine Sitzgelegenheit etwa 50 cm vom Besprechungstisch weg, stieg entschlossen auf seinen Stuhl und schrie mit 200 Phon:

 

„I support the Rebellion!“

 

Ich erwähnte schon, dass Herr Bursy flankierend wie die Sau nach abgestandenem Schweiß roch? Nein? Na, dann eben jetzt. Das Bewerbungsgespräch als Topos postmoderner Kunst in der Bundesrepublik, in der alles geht. Alles. Bronco notierte: „Fließende Englischkenntnisse“.

 

Dresden, das Elbflorenz. Auch hier: Putten glotzen Dich an. Bronco glaubte einfach nicht, was er in diesem Moment sah, roch, hörte. Doch die olfaktorische Herausforderung war egal, denn Bronco wusste, dass Bursy seine Ergebnisse in Excellisten hackte und dann per E-Mail versendete. Er würde wenig Berührungspunkte mit realen Kolleginnen und Kollegen haben. Da konnte er ruhig riechen wie ein Iltis.

 

Und er war einfach sympathisch. Grundehrlich, authentisch, sympathisch. Er konnte Bronco locker erklären, so dass es auch der interessierte Laie verstand, wie aus Quarzsand nach nur 450 bis 600 Prozessschritten ein fertiges Logikprodukt wird. Als Hobbies gab er u.a. „Wissenschaftsendungen und Technikdokumentationen auf arte und phoenix“ an und Bronco wusste, dass es einfach stimmte. Bursy schweifte nie ab und blieb immer eng am Thema. Hier spielte niemand eine eingeübte Rolle. Der Linienmanager stellte Herrn Bursy ausführlich seinen Fachbereich vor, so ein HR-Gespräch ist ja keine Einbahnstraße, der Kandidat soll ja auch etwas über die Firma erfahren, Broncos anzulernender HR-Kollege schwieg weiterhin, und Bronco ließ den Geist baumeln, die Vorstellung des Bereiches hatte er einfach zu oft schon gehört...

 

 

 

Die Fortsetzung folgt nächste Woche hier im bekannten Textspielhaus, Euer Schomberg.